Friedrich und das Windspiel

Das Windspiel hat mit dem Preussenkönig Friedrich einen grossen Verehrer gefunden. Es ist die Geschichte einer faszinierenden Hingabe eines Mannes, der gleichsam Denker, Dichter, Staatsmann und Feldherr war - und dennoch den Zugang zu den Hunden besser fand als zu seinen Zeitgenossen.

Friedrich wollte trommeln statt spielen.
Friedrich wollte trommeln statt spielen.

Gut trommeln ist mir nützlicher als Spielen. So putzte Friedrich seine Schwester Wilhemine ab, als sie ihn zum Ziehen des Puppenwagens aufforderte. Der damals Zweijährige hämmerte lieber auf seine Trommel, was den Vater hoch erfreute. Er sah darin ein erwachendes Interesse an militärischen Dingen. Später wurde die Szene vom Hofmaler Pesne festhalten. Im Vordergrund des Bildes huscht ein kleiner Hund vorbei. Kein Zufall. Denn Friedrichs Mutter und auch seine Schwester hielten Möpse, Bologneser und Zwergspaniel, also kleine Schosshunde, ganz wie es an den europäischen Höfen damals üblich war. Ob der kleine Friedrich die Hunde-Passion seiner weiblichen Umgebung teilte, kann man nicht sagen. Möglich wäre es auf jeden Fall. Er war ein eher fragiles Kind. Da kann man sich gut vorstellen, wie er ausgiebig einen Hund streichelte.

 

Es könnte aber auch einen Tick anders gewesen sein. Vater Friedrich Willhelm war ein passionierter Jäger. Und eins ist klar: Wo es einen Jäger gibt, da gibt es auch Jagdhunde. Genau so war es am preussischen Hof. Auf einer Zeichnung von Adolf Menzel in der Kugler-Biographie sieht man ein Bild, das den Vater mit drei kräftigen Hunden an der Koppel zeigt. Friedrich teilte die Jagdleidenschaft seines Vaters aber nie. So dürfte sich auch seine Begeisterung für Jagdhunde in Grenzen gehalten haben.

Die Jagdliebe seines Vaters teilte Friedrich nie.
Die Jagdliebe seines Vaters teilte Friedrich nie.

 

Viel mehr als ein Jäger war Friedrich ein Schöngeist – eine Neigung, die sein Vater immer stärker kritisierte. Der Konflikt eskalierte im Juli 1730. Friedrich nutzte eine Reise nach Süddeutschland, um zu fliehen. Sein Ziel war England. Dort sass seit 1727 sein Onkel als König Georg II auf dem Thron. Friedrichs dickster Freund, Hans Hermann Katte, war eingeweiht. Dummerweise flog der Fluchtplan auf. Das hatte dramatische Folgen. Der zu Jähzorn neigende König liess beide festnehmen. Katte war Offizier der Gardegendarmerie. Daher taxierte man sein Verhalten als Verrat. Er wurde am 6. November 1730 geköpft, vor den Augen Friedrichs, der zwar verschont wurde, aber tief geschockt war und einen Schwächeanfall erlitt.

 

Den Sohnemann steckte der König in den Kerker unter strengen Auflagen: Einzelhaft, keine Lektüre, keinen Ausgang. Nur zögerlich, aber kontinuierlich lockerte der Vater die Haftbedingungen. Bei der Hochzeit von Friedrichs Schwester Willehmine durfte sich Friedrich unter die Leute mischen, mit dem vollen Wissen seines Vaters. Sonst aber ahnte niemand etwas. Die Überraschung war perfekt. Das unverhoffte Auftauchen Friedrichs markierte die Versöhnung mit dem Vater. Etwas später wurde er wieder in die Armee aufgenommen. Er kommandierte ein eigenes Regiment in Ruppin nahe Berlin, wo er auch einen eigenen Hausstand erhielt.

Als Kind. Hundenarr wurde er erst später.
Als Kind. Hundenarr wurde er erst später.

Doch jetzt gab es noch einen ganz trockenen Brocken zu schlucken. Der Vater meinte, die Zeit zum Heiraten sei reif. Als Frau schlug er Elisabeth Christine vor, die Prinzessin von Braunschweig-Bevern. Friedrich war zurückhaltend – nicht weil er asexuell oder homosexuell war, wie noch heute hin und wieder spekuliert wird. Aber er war jung, voller Wissbegierde und fröhlichem Lebensdrang. Von der Prinzessin hingegeben berichtete man, sie sei hässlich und sehr beschränkten Geistes. (vgl. Kugler, S. 65)

 

Indessen wollte Friedrich auf keinen Fall einen neuen Bruch mit dem Vater riskieren. Also fügte er sich in sein Schicksal. Und es geschah ein Liebeswunder: Als er seiner künftigen Frau im März des Jahres 1732 zum ersten Mal begegnete, war alles weit besser, als befürchtet. „Sie war keineswegs hässlich, vielmehr von eigentümlicher Anmut in der äusseren Erscheinung, und die übergrosse Schüchternheit ihres Benehmens, die sie als beschränkt erscheinen liess, hoffte er später zu beseitigen.“ (Kugler, S. 65)

 

Die Hochzeit fand am 12. Juni 1733 statt. Jetzt sollte natürlich auch im Bett etwas passieren. Der Vater mahnte Friedrich verschiedentlich, endlich mehr Männlichkeit zu zeigen. Ein übernächster Thronfolger sollte her. Alleine, Friedrich brachte nichts zustande. Ende August 1736 zog das Paar nach Rheinsberg, nicht weit von Ruppin. Dort spendierte ihnen der Vater ein romantisches Schloss... wohl verbunden mit der Hoffnung, dass die Romantik auch das Geschehen im Bett etwas beflügeln würde.

Friedrich als Denker und Dichter in Begleitung seiner Windspiele.
Friedrich als Denker und Dichter in Begleitung seiner Windspiele.

„Wie ein Märchen war Rheinsberg“, liest man in einer Publikation von 1916 (50 Bücher, S. 10) Friedrich schwelgte hier so richtig in seinen wissenschaftlichen Interessen. Er unterhielt einen kleinen Hof von rund 30 Personen, allesamt Künstler, Philosophen, Wissenschaftler. Die Ehe entwickelte sich in dieser Zeit gut, blieb allerdings kinderlos und kühlte sich immer mehr ab, bis sie nur noch formal bestehen blieb. In dieser Zeit, 1736, schrieb Friedrich seinen ersten Brief an Voltaire – der Anfang einer Freundschaft. In der Rheinsberger Zeit gab es mehrere Haustiere, etwa einen Grosspudel. Die Prinzessin besass zudem ein grau-weiss gezeichnetes Windspiel, das manchmal davonlief. Auch gab es ein Äffchen namens Mimi. Von der Gelehrsamkeit im Hause hielt das freche Tier gar nichts. Wie Friedrich einem Freund berichtete: „Mittlerweile macht sich mein Affe, von allen Affen der äffischste, von seiner Kette los, nimmt die Metaphysik, zündet sie an der Kerze an und freut sich sehr, als er sie brennen sieht.“ (in 50 Bücher, S. 80) Zum Glück war es nur eine Abschrift. Das Original war sicher verwahrt. Einen richtigen Hundenarr erkennt man in Friedrich zu dieser Zeit noch nicht. Ein Wendepunkt war womöglich, dass ihm sein Vertrauter Graf Rothenburg das Windspiel Biche schenkte, das fortan zu seinem Lieblingshund wurde.

 

Auch bei dieser Parade durften die Windspiele nicht fehlen.
Auch bei dieser Parade durften die Windspiele nicht fehlen.

 

Es kam das Jahr 1740. Das hatte es in sich. Erster Schlag: Am 31. Mai starb Friedrich Wilhelm. Jetzt stand Friedrich an der Spitze des Staates. Zweiter Schlag: Am 20. Oktober starb Karl VI, der Habsburger auf dem Kaiserthron in Wien, ohne einen Nachfolger zu hinterlassen. Friedrich ahnte, was das bedeutete. Er schrieb an Voltaire: „Jetzt ist die Zeit da, wo das alte politische System eine gänzliche Änderung erleiden kann.“ (Kugler, S. 107)

 

Kaum auf dem Thron, marschierte Friedrich am 16. Dezember in Schlesien ein. Das war ziemlich kühn. Der Mann ist verrückt, soll der französische König Louis XV gesagt haben, als er von Friedrichs Einmarsch hörte. Auf der anderen Seite musste Friedrich rasch zuschlagen, bevor Österreich sein Potential mobilisieren konnte. Preussen war mit gut 2 Millionen Einwohnern wesentlich kleiner als Österreich, in dessen Besitzungen über 8 Millionen Menschen wohnten.

 

Friedrichs Armee war gut vorbereitet. „Die preussischen Truppen manövrieren geschickter, die Infanterie schiesst schneller, die Kavallerie macht einen heftigeren Schock, die Artillerie ist beweglicher, die Verwaltung ist zuverlässiger“, urteilt der Militärhistoriker Delbrück. (Delbrück S. 486) Die Preussen marschierten also zügig voran. Friedrich konnte seinen Feldzug bereits im Juli 1742 erfolgreich abschliessen. Preussen hatte Schlesien geschluckt. Doch das letzte Wort war noch nicht gesprochen. Österreich erstarkte immer mehr, so dass es 1744 zum zweiten Krieg um Schlesien kam.

 

Der Alte Fritz unter den Linden in Berlin. Hunde sind keine auf dem 1851 enthüllten Denkmal. Das hätte zu sehr kontrastiert mit den imperialen Ambitionen jener Zeit.
Der Alte Fritz unter den Linden in Berlin. Hunde sind keine auf dem 1851 enthüllten Denkmal. Das hätte zu sehr kontrastiert mit den imperialen Ambitionen jener Zeit.

Und dieser zweite Feldzug muss für Friedrichs Lieblingshündin Biche ein Highlight gewesen sein. Sie durfte ihren Herrn auf dem Feldzug begleiten. Wie man beim Biograph Kugler liest: „Er hatte sein besonderes Wohlgefallen an dem anmutigen Tiere, wie er überhaupt stets von der Gesellschaft einiger zierlicher Hunde umgeben war.“ (vgl. Kugler, S. 158)

 

Am 30. September 1745 trafen die Preussen beim Dorf Staudenz unerwartet auf eine bedrohliche österreichische Übermacht. Statt sich zurückzuziehen, liess Friedrich energisch angreifen. Der König selbst führte die Attacke an. Direkt ritt er durch feindlichen Beschuss. Fast wäre er getroffen worden, hätte sich sein Pferd nicht aufgebäumt, so dass die Kugel im Kopf des Tieres stecken blieb. 12 Schwadronen der Preussen überrannten schliesslich deren 50 der Österreicher. Wir wissen es nicht genau. Vielleicht ist diese Szene von der Nachwelt etwas heroisiert worden. Sicher aber gab es nach dem Gefecht zwei Probleme: Das Gepäck des Königs fiel in die Hände der Feinde. Das war allerdings nur das kleinere Problem. Friedrich liess sich alles ersetzen, vor allem die Bücher, die er auch im Feld in jeder freien Minute las. Das weitaus grössere Problem war, dass Biche gefangen genommen wurde.

 

Doch es kam alles gut, wie uns der Historiker Karl Heinrich Siegfried Rödenbeck versichert: Nachdem sich die Österreicher Biche unter den Nagel geriessen hatten, nahm sich die Frau des Generals Nadasti dem Hündchen an. Verschiedene Male wurde sie ersucht, Biche zurückzugeben, bis sie schliesslich dem Wunsch nachgab. Als die Hündin zurückkam, liess General Rothenburg sie heimlich in Friedrichs Stube treten. Mit einem Sprung sass sie auf dem Tisch und legte ihre Vorderpfötchen um Friedrichs Hals, so dass ihm vor Freude die Tränen kamen. Biche erhielt ein Denkmal in Sansouci. Ihre Nachkommen lebten stets an der Seite Friedrichs bis zu seinem Ende. (vgl. Tagebuch aus Friedrichs Regentenleben)

 

Noch ein zweites Mal wurde es ganz eng. Im Jahr 1745 wagte sich Friedrich beim Rekognoszieren zu weit vor. Biograph Kugler schreibt: „Plötzlich bemerkte er einen Trupp Panduren, der ihm des Weges entgegengeritten kam; ihm blieb nichts übrig, als eilig in einen Graben hinabzuspringen und sich unter einer Brücke zu verbergen. Aber nun fürchtete er, dass Biche, die bei ihm war, bei dem Geräusch der Huftritte der Pferde bellen und ihn so verraten würde: das Tier jedoch, als ob es die Gefahr seines Herrn ahnte, schmiegte sich dicht an ihn und gab keinen Laut von sich.“ (Kugler, S. 158)

Fritz in älteren Tagen auf der berühmten Treppe von Sansouci.
Fritz in älteren Tagen auf der berühmten Treppe von Sansouci.

Der zweite Schlesische Krieg endete am 25. Dezember 1745. Resultat der Friedensverhandlungen: Schlesien blieb preussisch. Als Friedrich nach Berlin zurückkehrte, nannte man ihn den Grossen. Eine elfjährige Friedenszeit brach an. 1745 wurde der Grundstein für die neue Residenz bei Potsdam gelegt, die man später Sanssouci nennen sollte. Allerdings schlug das Schicksal auch in dieser Zeit zu. Am 29. Dezember 1751 starb Graf von Rothenburg, der ihm einst Biche geschenkt hatte. Auf den Tag genau ein Jahr später, am 29. Dezember 1752 verblich Biche selbst.

 

Friedrich muss das hart getroffen haben. Daher beschäftigte er sich mit seinem eigenen Tod. Im Testament von 1752 schrieb er, man solle ihn dereinst ohne Pomp, ohne Prunk und ohne die geringsten Zeremonien bestatten. „Man bringe mich beim Schein einer Laterne und ohne dass mir jemand folgt, nach Sanssouci und bestatte mich dort ganz schlicht auf der Höhe der Terrasse, rechter Hand, wenn man hinaufsteigt, in einer Gruft, dich ich mir habe herrichten lassen.“ Quand je serai là, je serai sans souci, soll er gesagt haben. Wenn er einmal da sei, so sei er ohne Sorgen. Die Gruft war indessen nicht nur für ihn selbst gedacht, sondern auch für seine treusten Begleiter auf vier Pfoten. Biche und auch andere Hunde des Königs wurden dort bestattet. Wer heute die Gruft besucht, zählt elf kleinere Grabplatten aus Sandstein für die Hunde und eine etwas grössere Platte für Friedrich.

Die Grabplatte von Alkmene.
Die Grabplatte von Alkmene.

Doch vorerst lebte ja Friedrich noch. Im Verlaufe des zweiten Schlesischen Krieges kühlte sich das Verhältnis zwischen ihm und seiner Schwester ab. 1748 näherten sie sich wieder an. Folichon, der Mops von Willhemine, schrieb im Mai einen Brief an Biche, die Lieblingshündin von Friedrich:

Sansouci heute.
Sansouci heute.

„Avouons, ma chère Biche, que le genre humain est bien fou, et qu'il se rend bien peu de justice.“ Folichon schrieb also in Französisch, genau in jener Sprache, in der sich Friedrich am liebsten unterhielt. Friedrich verstand den subtilen Versöhnungsversuch. Er antwortete im Namen von Biche so poetisch schön, dass man es nur im Original ganz geniessen kann: „Toutes vos lettres redoublent la tendresse que j'ai pour vous; il n'y a qu'une vraie amie qui puisse écrire une lettre comme celle que je viens de recevoir. (...) Le ciel nous a donné une même humeur et un même cœur.“

1756 brach der Siebenjährige Krieg los, ein weltumspannender Konflikt, in den alle Grossmächte involviert waren. Maria Theresia hatte geschworen, lieber verzichte sie auf ihr Kleid als auf Schlesien. Nun schmiedete sie eine Allianz mit Frankreich, Schweden, Russland und Sachsen. Unter den Grossen stand nur England an der Seite Preussens – und auch das nur halbherzig. Preussen war eingekreist. Seine Gegner schienen übermächtig. Eigentlich hoffnungslos. Im Oktober 1760 besetzten die Russen kurz Berlin, zogen aber nach zwei Tagen wieder ab, als Friedrich ein Heer heranführte. Mehr als ein Phyrrus-Sieg war der Abzug der Russen nicht. Preussen drohte stranguliert zu werden...

 

...geschähe nicht ein Wunder. Dieses Wunder geschah. Am 5. Januar 1762 starb Elisabeth von Russland. Ihr Neffe, Peter III, trat die Nachfolge an. Er war ein glühender Verehrer Friedrichs und nahm die russischen Truppen zurück. Preussen war entlastet. Ein Patt stellte sich ein. Am 15. Februar 1763 schloss Preussen in Hubertusburg mit seinen Gegnern einen Frieden, der den Vorkriegszustand wieder herstellte.

Während Friedrich die hohen Gäste empfängt... spielen die Windspiele vergnügt.
Während Friedrich die hohen Gäste empfängt... spielen die Windspiele vergnügt.

Auch in diesem Krieg konnte sich Friedrich auf die moralische Unterstützung seiner Hunde verlassen. Winterquartier. Leipzig. 1761. Als ein Franzose im Gefolge von Friedrich in dessen Zimmer trat, so fand er den König am Boden sitzend vor einer Schüssel. Daraus nahmen seine Windspiele ihr Abendessen. Mit einem Stock schob Friedrich seiner Lieblingshündin die besten Bisse zu. Der Franzose rief verwundert aus: Da zerbrechen sich seine Feinde den Kopf, was er denn hier tue. Sie werden glauben, er plane einen neuen Feldzug, er sammle neue Gelder oder knüpfe Unterhandlungen an, um neue Alliierte zu gewinnen. Nichts von alledem! Er sitzt ruhig in seinem Zimmer und füttert die Hunde. (vgl. Kugler, S. 321) Die Szene täuscht. Friedrich verfügte keineswegs über eine unerschütterliche Ruhe, wie man hier meinen könnte. Im Gegenteil. Er war vom Krieg gezeichnet. Als er nach Berlin zurückkehrte, schrieb er: „Ich armer alter Mann“. Der König war ausgezehrt, genauso wie sein Land.

 

Es stellt sich die Frage: War Friedrich ein guter Feldherr? Während die anderen Monarchen in ihren bequemen Schlössern blieben, weilte Friedrich persönlich im Feld. Damit war er das mustergültige Beispiel eines Roi connétable, der das militärische Oberkommando persönlich wahrnahm. Kein Wunder meinte Delbrück, Friedrichs Kriegsführung sei subjektiver gewesen als die irgendeines anderen Feldherrn. (vgl. Delbrück S. 490). Profan gesagt: Friedrich hatte Eier, wagte rasch zu entscheiden und verlieh seiner ganzen Strategie eine vom Gegner nie erreichte Geschmeidigkeit und Kreativität.

 

In dieses Bild passt eine der berühmtesten Anekdoten, die sich anlässlich der Schlacht bei Kunersdorf 1759 zugetragen hat. Friedrichs Pferd erhielt einen Treffer. Er bestieg ein Ersatzpferd. Ein neuer Schuss streckte auch dieses nieder. Da kein Reservepferd mehr vorhanden war, schwang er sich auf dasjenige seines Adjudanten. Da schlug eine Kugel in Friedrichs Hüfte ein... glücklicherweise aber genau auf ein Etui aus Gold, das er in der Tasche trug. Er blieb unversehrt. (vgl. Kugler, S. 285)

Fritz hatte ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger. Die beiden Hunde wirken eher wie Whippets statt Windspiele.
Fritz hatte ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger. Die beiden Hunde wirken eher wie Whippets statt Windspiele.

Ein weiterer Charakterzug Friedrichs kam 1757 bei Breslau zum Ausdruck: „Ich werde gegen alle Regeln der Kunst die beinahe dreimal stärkere Armee des Prinzen Karl angreifen. (...) In kurzem haben wir den Feind geschlagen oder wir sehen uns nie wieder.“ (in Kugler, S. 242) Sieg oder Tod. In der Hoffnungslosigkeit des Siebenjährigen Krieges soll er sogar Selbstmord ins Auge gefasst haben für den Fall der Niederlage. Unehrenhaft überleben. Das konnte Friedrich nicht. Deshalb hat die Nachwelt schon mal abenteuerliche Analogien zu Hitler konstruiert. Wenngleich es Analogien in der militärischen Gesamtlage gegeben haben mag, so gab es bestimmt nicht die geringste Vergleichbarkeit der beiden Männer punkto Biographie, Charakter, Bildung und Moral.

 

Daran ändert nichts, dass Hitler ganz wie Friedrich ein Hundeliebhaber war und über seinem Schreibtisch im Führerbunker dessen Ausspruch hängen hatte: Je mehr ich die Menschen kenne, desto mehr liebe ich die Hunde. Wenn schon, so war beiden eine gewisse Verbitterung in den menschlichen Kontakten ähnlich, die sie mit der Zuwendung zu Hunden kompensierten. Aber dazu braucht es keinen Vergleich mit Hitler. Das Phänomen ist bei Tausenden von Zeitgenossen zu beobachten. Es ist eine Grundkonstante in der Mensch-Hund-Beziehung. Viel besser erkennt man Friedrichs Gefühlsleben, wenn man sich ein Gedicht anschaut, das er 1750 schrieb:

 

 Der Hund liebkost den Herrn und ist ihm treu.

Doch uns, geformt von gleicher Schöpferhand,

Uns merkt man weder Tugend an noch Fehle;

Im Engelsleib wohnt eine Teufelsseele:

Der Augenschein narrt ewig den Verstand.

 

Die berühmte Geschichte mit dem Müller auf einer Postkarte um 1900... auch auf diesem Motiv durfte ein Windspiel nicht fehlen.
Die berühmte Geschichte mit dem Müller auf einer Postkarte um 1900... auch auf diesem Motiv durfte ein Windspiel nicht fehlen.
Als Greis.  Die Windspiele begleiteten ihn bis zum Tod.
Als Greis. Die Windspiele begleiteten ihn bis zum Tod.

Ausserdem wird man der Lebensleistung Friedrichs nicht gerecht, wenn man ihn zu einseitig als Feldherren sieht. Er selbst schrieb im Testament von 1752 : Ich habe als Philosoph gelebt. Tatsächlich machte sich Friedrich zeitlebens tiefe Gedanken über die Ideale der Aufklärung. Wenngleich er die Monarchie als Staatsform nie in Frage stellte, so förderte er mit seinen fortschriftlichen Gedanken doch die Entwicklung der Wissenschaften, der Technik und der Verwaltung des Staates. Justizreform, Bau von Kanälen, bessere Anbaumethoden in der Landwirtschaft, Trockenlegung von Sumpfgebieten, die ihm, wie er sagte, mehr Raum einbrachten als alle Feldzüge. Das alles waren bleibende Projekte.

 

In seinen letzten Jahren führte Friedrich ein einfaches Leben. Die Dienerschaft bestand nur aus wenigen Personen. Immer schwächer wurde der König. Nicht einmal mehr seine geliebte Flöhte konnte er spielen. Geistig blieb er aber bis zum Schluss präsent. Wie Kugler pathetisch schrieb: „Fort und fort saugt er neue, lebenskräftige Nahrung aus den Schriftwerken.“ (Kugler, S. 405) Auch die Staatsgeschäfte führte er selbst aus. Ganz nach hündischer Manier begleiteten ihn seine Windspiele mit unvergänglicher Treue. Sie folgten ihm bei seinen Spaziergängen, lagen bei ihm, wenn er in die Lektüre vertieft war, schliefen sogar im Bett und waren auch sonst ganz schön verwöhnt.

 

Das Windspiel Superbe liebte er besonders. Es soll sich stets auf einem Stuhl neben seinem Bett hingelegt haben. Als Friedrichs letzte Stunde kam, so berichtete ein Diener, habe er nach Superbe gefragt. Sie solle wieder auf den Stuhl kommen. Er glaube, sie habe kalt. Man solle sie zudecken. So galt eine der letzten Sorgen dieses grossen Mannes diesem kleinen Hund. (vgl. Sibylle Prinzessin von Preussen und Friedrich Willhelm Prinz von Preussen S. 150) Die Szene trug sich frühmorgens am 17. August 1786 zu. Kurz darauf starb Friedrich. Angehörige des 1. Gardebataillons legten ihn in den Sarg. Hunderte von Menschen nahmen mit aufrichtigen Tränen Abschied. Friedrich wurde am 18. August in der Garnisonskirche Potsdam neben seinem Vater bestattet. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde sein letzter Wille vollstreckt. Am 17. August 1991 überführte man den Alten Fritz nach Sanssouci und legte ihn neben seinen Windspielen nieder, so wie er es wollte.

Das Grab auf Sansouci heute: 11 kleine Grabplatten für die Hunde, eine etwas grössere für Friedrich.
Das Grab auf Sansouci heute: 11 kleine Grabplatten für die Hunde, eine etwas grössere für Friedrich.

Der Theologe Anton Friedrich Büsching schrieb 1788 ein Buch über den Charakter Friedrichs. Bildung, Politik, Sprache, selbst Essmanieren, Kleidung, Schlafgewohnheiten, ja sogar das Desinteresse an Frauen – alle Lebensaspekte Friedrichs übergoss er mit einer despektierlichen Kritik.  Natürlich thematisierte Büsching  auch die

Eingang zum Schloss Sansaouci im April 2016: Heute dürfen keine Hunde mehr eintreten.
Eingang zum Schloss Sansaouci im April 2016: Heute dürfen keine Hunde mehr eintreten.

Hundeliebe des verblichenen Königs, die er lächerlich fand. Zynischer O-Ton: „Doch nichts gelicht der Liebe, die der König für die Hündin Alcmene hatte. Als ihm nach Schlesien berichtet wurde, dass sie gestorben sei, befahl er, dass man ihren toten Körper in dem Sarge, in welchen sie war gelegt worden, zu Sansouci in sein Bibliothekszimmer setzen sollte. Bald nach seiner Zurückkunft begab er sich dahin und liess seiner wehmütigen Traurigkeit freien Lauf. Er musste sich von dem verwesenden Körper losreissen.“ (Büsching 1788 S. 23 - 24) Die Anekdote ist nicht verbürgt und gewiss übertrieben. Im Übrigen erschien schon 1789 eine Replik auf Büsching. Darin liest man die eine, richtige, rhetorische Frage: Warum sollte denn nicht ein grosser Mann ein Vergnügen an Windspielen haben? Der Kaiser Hadrian hatte es ja auch. (vgl. Bretschneider S. 34)

Aber du hast doch Geist mein kleiner Liebling

Der französische Philosophe René Descartes lebte rund 100 Jahre vor Friedrich. Seine Gedanken waren prägend für die Geschichte der Aufklärung. Zu Beginn wurde die menschliche Vernunft stark herausgestrichen und ein Widerspruch zur unvernünftigen Natur konstruiert. Im Hinblick auf Tiere bedeutete dies: Man sah im naturverbundenen Tier ein fundamental anderes Wesen als im vernunftbegabten Menschen. Descartes meinte sogar, die Tiere seien so etwas wie Maschinen aus Fleisch und Blut ohne Empfindungen, auch ohne Schmerz. Deshalb quälte er sie in Experimenten bedenkenlos.

Aufgeweckt. Munter. Treu. Mit einer Brise Schalk.
Aufgeweckt. Munter. Treu. Mit einer Brise Schalk.

Konsequenterweise ging die frühe Aufklärung davon aus, dass Tiere keine Seele hätten. Damit stand sie ganz im Einklang mit der Kirche, die Tieren ebenfalls eine Seele absprach. Erst mit der zunehmenden Entwicklung der Naturwissenschaften erkannte man die nahe Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier. Beiderlei Wesen sind aus demselben Baumaterial und nach demselben evolutionären Plan aufgebaut – nur dass das eine etwas mehr Gehirnleistung erbringt als das andere. Es besteht folglich zwischen Mensch und Tier kein fundamentaler, sondern nur ein gradueller Unterschied. Wer dem Menschen seine Seele nicht absprechen will, der kann das schwerlich für die Tiere tun. Das war für den Alten Fritz schon immer klar. Einst liess er sich einen Artikel über Tierseelen vorlesen. Da sagte er zu seinem Lieblingshund Asrsinoe, den er auf dem Schoss hielt: Hörst du, mein Liebling? Von dir ist die Rede. Sie sagen, du hättest keinen Geist. Aber du hast doch Geist, mein kleiner Liebling!


Friedrich über Hundeerziehung... alles ganz locker

Kurse. Zertifikate. Prüfungen. Die heutige Hundeerziehung ist durch und durch bürokratisiert und kommerzialisiert. Bis zur Lächerlichkeit. Hunde werden heute fast so systematisch betreut wie Kinder mit ADS – und erst noch mit einer Biederkeit, die völlig unnötig ist. Mehr Gelassenheit, mehr Spass und Freude tun Not, ganz so wie es Friedrich mit seinen Windspielen handhabte. Von wegen preussischer Strenge. Wie das ging, kann man in einer köstlichen Passage in der berühmten Kugler-Biographie nachlesen.

 

„Endlich gehören zu der täglichen Umgebung Friedrichs auch noch die zierlichen Windspiele, deren berührige Lebendigkeit die Stille um ihn unterbrach und an denen er bis zu seinen letzten Augenblicken seine Freude hatte. Drei oder vier Hunde waren beständig um ihn;

der eine war der Liebling, diesem dienten die anderen zur Gesellschaft. Er lag stets an der Seite seines Herrn auf einem besonderen Stuhle, im Winter mit Kissen bedeckt, und schlief des Nachts in dem Bette des Königs. Alle möglichen Unarten waren diesen Hunden gestattet; sie durften sich die kostbarsten Kanapees nach Gefallen aussuchen. Zu ihrem Zeitvertreibe fanden sie in den Zimmern lederne Bälle zum Spielen. Wenn der König die Bildgallerie von Sanssouci, wo er sich gerne aufhielt, oder die Gärten besuchte, waren sie seine beständigen Begleiter. Auch zum Karneval folgten sie ihm nach Berlin, in einer sechspännigen Kutsche, unter der Aufsicht eines besonderen Lakaien. Man versichert, der letztere habe sich in der Kutsche auf den Rücksitz gesetzt, da die Windspiele den Vordersitz einnahmen, habe auch die Hunde stets mit Sie angeredet, z.B. Biche, seien Sie doch artig? Alkmene bellen Sie nicht so!“


Die Geschichte des Windspiels

Titel des Centralblattes vom Dezember 1913.
Titel des Centralblattes vom Dezember 1913.

Der Windhund gehört zu den ältesten Hundetypen. Sieht man sich Bilder aus dem alten Ägypten an, so erkennt man unschwer die Körperform von Windhunden. Wie man Darstellungen auf Vasen oder Grabstelen entnehmen kann, waren sie im antiken Griechenland bei Jägern beliebt. Die kleineren Exemplare standen bei den Kindern hoch im Kurs als Spielgenossen. Der römische Schriftsteller Arrian hielt grosse Stücke auf die Windhunde aus Gallien. Kein Hase könne einem dieser Windhunde entkommen, sofern dieser in guter Kondition und mutig sei. (vgl. Arrian, Kyngetikos, Kap. 2) Der griechische Geschichtenschreiber Strabo meinte: Von Britannien werden Korn, Vieh, Gold, Silber, Eisen, Felle, Sklaven exportiert, außerdem Hunde, die über hervorragende Jagdeigenschaften verfügten. (vgl. Strabo, Geographika, Buch IV, 5, 2) Da die Literatur aus dem Altertum wenig historischen Quellenwert aufweist, müssen wir den gesunden Menschverstand zuziehen.

Volles Tempo auf der Bahn.
Volles Tempo auf der Bahn.

Wahrscheinlich war es so: Die Römer importierten allerlei Hunde aus allen möglichen Gebieten, die unter ihrem Einfluss standen oder mit denen sie Handel trieben. Aus ganz Westeuropa, dem Mittelmeerraum, dem Nahen Osten und Nordafrika - von überallher kamen sie. So verbreiteten und vermixten sich auch Windhunde überall in Europa. Darunter gab es ganz bestimmt zierliche kleine Exemplare, nicht unähnlich dem heutigen Windspiel. Dann sackte das römische Imperium zusammen. Das Mittelalter brach an. Aus dieser Zeit gibt es Darstellungen von kleinen Windhunden auf Tapisserien.

Voller Spass im Spiel.
Voller Spass im Spiel.

Seine Blütezeit erlebte das Windspiel aber erst in der Renaissance. Da es eine überaus grazile Erscheinungsform hatte, wurde es von Malern gerne porträtiert. In den höfischen Gesellschaften wurden die kleinen Windhunde ebenfalls geliebt – vornehmlich von Damen: Mary (schottische Königin), Queen Anne, Queen Victoria (englische Königinnen), Katharina die Grosse (Russland), Maud (Königin Norwegen). Ein berühmter Windspiel-Liebhaber war hingegen der französische Dichter Alphonse Lamartine (1790 - 1869).

 

„Das Windspiel ist der graziöseste aller Zwerghunde“, heisst es in einem Artikel (Centralblatt Nr. 51 vom 19.12.1913). Dem mag so sein. Falsch wäre es trotzdem, die Rasse einseitig als Zierhund zu sehen. Bis heute bewähren sich die Kleinen ausgezeichnet auf der Rennbahn. Sie erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 40 Stundenkilometern. Auch gute Jäger gaben sie ab. Viele Fürstenhäuser mischten ihren Windhundemeuten, den Levretterien, wie man sagte, speziell kleine Exemplare bei.

Volle Schönheit im Ausstellungsring mit "A'Millie veloce come il vento".
Volle Schönheit im Ausstellungsring mit "A'Millie veloce come il vento".

Durchaus möglich, dass der verliebte Jagdherr aus diesen kleinen Windhunden den schönsten herausnahm, um damit seiner Hofdame eine Freude zu bereiten. Auch im 20. Jahrhundert noch machten es Liebhaber ganz ähnlich. So liest man in einem zeitgenössischen Magazin: „Die Französin ist sehr unstet; heute hat sie ihr Windspiel, das ihr vielleicht ein schwachköpfiger Galan für eine Unsumme gekauft hat; sie ist in das Tierchen – ich meine den Levron – ganz verliebt.“ (Centralblatt Nr. 5 vom 29.1.1904)  Wie man sieht: Von der höfischen Gesellschaft der Renaissance schritt das Windspiel auf leichten Pfoten direkt in die bürgerlichen Häuser des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit entstand die moderne Kynologie mit Rassestandards, Zuchtbüchern und Hundeshows.

Jasmin B. mit "Adriana veloce come il vento" in Gelsenkirchen 2016.
Jasmin B. mit "Adriana veloce come il vento" in Gelsenkirchen 2016.

Wie die meisten Hunderassen erlangte auch das Windspiel in diesem Umfeld einen Status im Zuchtbetrieb. 1886 wurde es vom AKC (American Kennel Club) anerkannt. 1900 wurde in Grossbritannien ein spezieller Rasseklub gegründet – der Italian Greyhound Club. Die internationale Normierung des Standards hinkte aber lange Zeit hinterher. Noch 1945 bastelte man in der Schweiz an einem provisorischen Rassestandard, zu einer Zeit also, als andere Rassen bereits auf eine fast 100-jährige Standardisierung zurückblickten. Durch den Welthundeverband FCI erfolgte die endgültige Anerkennung im Jahre 1956.

Wieso Italien? Und wieso Windspiel?

Windspiel im Tierbuch von Jost Amman (1592).  Bayerische Staatsbibliothek München.
Windspiel im Tierbuch von Jost Amman (1592). Bayerische Staatsbibliothek München.

Wie wir gesehen haben, gab es kleine Windhunde überall in Europa. Wie kommt da Italien in die Rassebezeichnung? Es ist Zufall. Mehr oder weniger. Höchstens ein paar Indizien lassen sich zusammenkratzen. Eines ist sicher: Das Windspiel ist eher ein Südländer. Jeder kann noch heute beobachten, wie rasch sie bei kühlem Wetter zittern. Man kann sich eins und eins zusammenzählen, dass ein solch zartes Tierchen eher im warmen Süden Verbreitung fand als im rauen Norden. Obwohl: Einer der grössten Liebhaber, Friedrich II, lebte in Preussen, das für seine bissigen Winter bekannt ist. Deshalb wärmte er seine Windspiele schon mal unter dem Mantel.

 

Sicher ist weiterhin: Viele Windhunde reisten aus dem östlichen Mittelmeerbecken nach Italien ein. Mag stimmen. Aber: Sie reisten eben nicht nur nach Italien ein, sondern auch in viele andere Länder Europas. Allenthalben heisst es: Italienische Matronen hätten zur Römerzeit die kleinen Windhunde geliebt. Aber auch hier: Anderswo in Europa gab es zur Römerzeit genauso kleine Hündchen und genauso überschwängliche Matronen, die sie liebten. Solche Hinweise taugen also nicht recht als Erklärung für das Adrjektiv "italienisch" in der Rassebezeichnung von heute.

Dem guten Leben kaum abgeneigt...
Dem guten Leben kaum abgeneigt...

Der Autor eines Fachartikels aus dem Jahre 1904 nähert sich der Frage ganz sachlich an: „Um den Ausdruck „italienisch“ zu erklären, habe man früher bei allem, was gut und trefflich war, eine weite Herkunft angenommen, so auch Italien, das Wunderland, das so manches Schöne hervorgebracht hat. Ich sehe nicht ein, warum man eine so zweifelhafte Hypothese an den Haaren herbeiziehen soll!“ (Centralblatt Nr. 5 vom 29.1.1904) Recht hat er. Es war wohl am ehesten eine stereotype Verknüpfung zwischen schön und italienisch, wie sie ja noch heute geläufig ist  - wenngleich man das Windspiel aufgrund seiner Verbreitung genauso gut als französisch oder spanisch hätte bezeichnen können.

 

Die italienischen Liebhaber des Windspiels konnten sich mit dieser Sicht gut anfreunden. Als sich Ende des 19. Jahrhunderts die moderne Kynologie an die Definition der Rassen machte, da übernahm Italien das Patronat des Windspiels. Folglich wurde auch der Standard in Italienisch verfasst. Die Pflege und Weiterentwicklung der Rasse wurde innerhalb des Welthundeverbandes FCI dem Enci übertragen. Enci heisst: Ente Nazionale della Cinofilia Italiana. Das ist der kynologische Verband Italiens. Das Windspiel wurde also ganz offiziell zu einer italienischen Rasse. Bezeichnenderweise liest man heute auf der Internetseite des Verbandes: generalmente attrae un publico dal raffinato gusto estetico. Das Windspiel ziehe ein Publikum von ausgewähltem ästhetischem Verständnis an.

Mit einem Galgo: Wieso sagt man nicht "spanisches" oder "französisches" Windspiel? Bild: Katrice Honemann.
Mit einem Galgo: Wieso sagt man nicht "spanisches" oder "französisches" Windspiel? Bild: Katrice Honemann.

Jetzt zur zweiten Frage. Wieso Windspiel? Das führt uns sogleich weiter: Woher kommt eigentlich der „Wind“ im Begriff „Windhund“? Gemäss Duden hat die Etymologie nichts mit „Wind“ im Wortsinn zu tun. Vielmehr ist der Ursprung in wendischer (slawischer) Hund zu sehn. Frage also geklärt. Aber woher kommt das „Spiel“? Eine plausible, wenngleich nicht bewiesene, Hypothese wurde 1945 präsentiert. Sie führt uns zu den jagdlichen Wurzeln des Windspiels: „Im ritterlichen und fürstlichen Hofhalt wurden kleine Winde für die Reiherbeitze gehalten, jene von den Damen bevorzugte Reitjagd mit Falken, kleinen Stöberhunden und Winden. Der Falke wurde abgerichtet, Vögel, welche die Stöberer locker gemacht, in hohem Fluge herunterzuholen. Das Windspieln aber hatte dem Kampf in der Luft mit den Augen zu folgen und dem Falken zu Hilfe zu eilen, sobald dieser mit seiner oft schweren Beute auf den Boden stiess. Sein gutes Sehvermögen und seine Geschwindigkeit machten es hiezu geeignet. Die Reiherbeitze nannte man aber auch Federspiel, weil das Federspiel, ein Taubenflügel oder Ähnliches, dazu benutzt wurde, den Falken zu seinem Meister zurückzuholen. So mag aus dem Federspiel, der Spielwind und mit der Zeit das Windspiel geworden sein.“ (Schweizer Hunde-Sport Nr. 16 vom 4.8.1945).

 

Die Italiener selbst nennen das Windspiel „Piccolo levriero italiano“. Nichts von „Spiel“. Nichts von „Wind“. „Levriero“ kommt von „lepre“. Das bedeutet Hase und nimmt die Funktion als Hasenjäger auf. Wörtlich könnte man übersetzen: Kleiner italienischer Hasenjäger.

 

Noch besser schimmert das im Französischen durch. Hier nennt man die Windhunde „lévriers“, von „lièvre“, dem Wort für Hasen. Das Windspiel heisst entsprechend: Petit lévrier italien. In Frankreich ist zudem die etwas trockene Abkürzung PLI verbreitet, wobei sie wie ein Wort am Stück ausgesprochen wird. Also etwa: j’aime mon Pli de tout mon coeur.

Immer ein wenig Schalk im Gesicht...
Immer ein wenig Schalk im Gesicht...

Besonders interessant ist der englische Begriff: Italian Greyhound. Hier dringt durch, dass man im Windspiel einst die Zwergform eines Greyhounds sehen wollte, ähnlich wie der Zwergpudel ein Abbild des Grosspudels war oder der Zwergschnauzer ein Abbild des Riesenschnauzers. Historisch ist das fraglich. Die Kleinvarianten bei Pudel, Schnauzer und anderen entstanden relativ spät, während das Erscheinungsbild des Windspiels uralt ist. Ausserdem wurden die Mini-Formen bei den meisten Rassen gezielt herausgezüchtet, was beim Windspiel nie der Fall war. Man darf also annehmen, dass das Windspiel in seiner Form eine eigenständig entstandene Rasse ist. Bestimmt aber gibt es Züchter, die im Windspiel die Kleinvariante des Greyhounds sehen und die Zuchtselektion darauf ausrichteten.

Entwicklung der Population

Eines unter rund 400 Windspielen in der Schweiz: Valentino mit Angelina Wyrsch in Genf.
Eines unter rund 400 Windspielen in der Schweiz: Valentino mit Angelina Wyrsch in Genf.

Eines ist klar. Das Windspiel war nie ein Mainstream-Hund. Das ist auch gut so. Eine Nuance Extravaganz darf es schon sein. In der Schweiz herrscht eine Registrierungspflicht für Hunde. Daher kann die Population sehr genau eruiert werden. 2016 waren 391 reinrassige Windspiele registriert. Dazu kamen 38 Mischlinge. In Deutschland waren per 2015 bei Tasso 921 Windspiele registriert. Die gesamte Population kann man aber nur schätzen, da es hier keine Registrierungspflicht gibt. Am besten multipliziert man die Schweizer Zahlen einfach mal zehn. Bevölkerung Deutschland: 81 Millionen. Bevölkerung Schweiz: 8,3 Millionen. Die Hundedichte ist in beiden Ländern ähnlich. Die Präferenz punkto Rassen dürfte nicht fundamental anders sein. Damit wäre man also bei knapp 4'000 Windspielen in Deutschland. Ohne Zweifel erfreut sich das Windspiel einer zunehmenden Beliebtheit. 2002 wies die Welpenstatistik des VDH 31 Windspiele aus. 2014 waren es schon 136. Innerhalb von 13 Jahren weiteten sich die geworfenen Welpen also um das 4,4-Fache aus. In demselben Zeitraum vergrösserte sich die Schweizer Population von 133 auf 364. Dies entspricht einer Steigerung um das 2,7-Fache.

Spannender Blog über alle Themen zum Windspiel

Seit 2010 betreiben Ulla und Thomas Bastek einen interessanten Blog. Über 300'000 Klicks zeugen von einer regen Nutzung. Berufene Autoren äussern sich zu Themen wie: Show- und Sportergebnisse, Veranstaltungstermine im DWZRV, Tipps für Gesundheit und Haltung, Kummerkasten, Deck- und Wurfmeldungen. Link zum Blog.

Windspiele auf der Rennbahn von Lostallo im Tessin (Schweiz).

 

Bilder von Esther Eigenmann.

Bilder von Florian Kamber.

 

Windspielzucht "Perla Blu".