Kriegshunde-Geschichten

In seinem Buch "Abenteuer Kriegshunde in den Weltkriegen" erzählt der deutsche Autor Walther Rohdich berührende Geschichten über Hunde und Menschen.

Nicht weniger als 20 Bücher hat Walther Rohdich veröffentlicht. Darunter findet sich viel Historisches, insbesondere über die preussische Geschichte und Militärgeschichte, aber auch Tiergeschichten. 88 Jahre ist Rohdich mittlerweile alt. Indessen ist er vom Ruhestand um Lichtjahre entfernt. Der Autor ist produktiv wie eh und je. Erst im Februar 2018 ist seine Tierbiografie-Trilogie "Peter der Große" (über eine Katze) erschienen. "Nelli der Einzige" (über einen Hofhund) kommt in Kürze heraus. Für Herbst 2018 ist bereits "August der Starke" (über einen bäuerlichen Wallach) geplant. Damit nicht genug: "80 Jahre mit Tieren auf Du - 60 Jahre Tierfotografie". So heisst ein geplanter Bildband, der eine lebenslange Passion in Buchform bannen wird. Denn Rohdich beschrieb die Welt nich nur in Worten, sondern fing sie gerne auch mit der Kamera ein. In den 60er-, 70er-, 80er- und noch 90er-Jahren gehörte er zu den maßgeblichen Naturfotografen Deutschlands - mit Hasselblad-Kameras!

Herr Rohdich, welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Hunden?

 

Hunde sind wohl die ältesten und nützlichsten Begleiter und Freunde des Menschen und haben sich klugerweise früh den ersten Jägern und Siedlern angeschlossen. Dieses Verhältnis ist bis heute so geblieben. Gerade deswegen, weil sie heute mehr Freunde als Arbeitnehmer des Menschen geworden sind. Hier nur ein Beispiel, wie sehr ich als Zehnjähriger einen Hund namens „Nelly“ an mich binden konnte: Wenn ich die Toilette aufsuchte, nahm Nelly vor der Tür Platz und heulte bittend, wenn ich zu lange ausblieb.

 

Ihr Buch erzählt in greifbarer und auch ergreifender Form das Schicksal vieler Hunde und Menschen im Krieg. Wie war es Ihnen möglich, die Fülle an Geschichten zu sammeln?

 

Das Sammeln hat die Zeit von fünf Jahren gedauert. Hauptquellen waren Jagdzeitschriften und Landwirtschaftliche Wochenblätter aus der Zeit beider Kriege. Wobei anzumerken ist, dass es über den ersten Krieg mehr Berichte gibt als über den zweiten, weil die Meinungsfreiheit zwischen 1914 und 1918 nicht beschnitten war wie von 1939 bis 1945. Dazu kamen um 1980 herum noch viele Augenzeugen, die nun nicht mehr existieren. Endlich hat eine Redakteurin der örtlichen Tageszeitung einen Aufruf an die Leser gebracht, mir ihre Hundeerlebnisse während der Kriege mitzuteilen oder Aufzeichnungen zur Verfügung zu stellen.

 

Deutschland besass in beiden Weltkriegen ein hervorragendes Diensthundewesen. Dennoch weiss man wenig über diesen Aspekt der Militärgeschichte - ganz anders als in Großbritannien und den USA, wo es seit langem eine Literatur gibt, die auch die Leistungen der Vierbeiner in den Kriegen stolz herausstreicht. Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung mit dem Thema gerade in Deutschland?

 

Diese Frage kann ganz kurz beantwortet werden: „Weil Deutschland beide Kriege verloren hat!“ Da gab’s wenig Stolzes zu erklären und die Menschen waren nach beiden Niederlagen froh, davongekommen zu sein. Meine Buchvorschläge wurden regelmäßig mit den Bemerkungen abgelehnt „Das wollen die Leute heute nicht mehr lesen.“ Nicht nur meine Hunde- und Katzenberichte wurden kritisch begutachtet, auch meine Berichte über „Unser Wild in den beiden Weltkriegen“ wurden in der Jagdpresse süffisant aufgenommen. In den 80er-Jahren ging mich eine Doktorandin verzweifelt an, weil sie für ihre Doktorarbeit über Sanutätshunde nur mühsam Material bekommen konnte.

Angaben zum Buch:

Walther Rohdich

Abenteuer Kriegshunde in den Weltkriegen: Tatsachenberichte

ISBN 978-3961032440

10,95 Euro

Erhältlich im Buchhandel und Online Buchhandel

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Leseprobe aus dem Kapitel Hunde als Kriegshelden

Baska war das Maskottchen einer deutschen Einheit an der Ostfront und entwickelte sich zu einer kompromisslosen Mitkämpferin...

 

Wieso ihr Herr und Meister, der in diesem Bericht unerkannt bleiben möchte, den wir aber Meyer Zwo nennen wollen, sie „plötzlich an meiner Seite hatte“, blieb unbekannt, auch, woher sie kam, ob sie eine Russin war oder von einem abgebrannten Bauernhof stammte, niemand wusste es. Vielleicht, argumentierte ihr netter Herr, riecht sie an meiner Haut und Kleidung, an Stiefeln oder Händen, dass ich ein alter Hundebesitzer bin, der erst vor kurzem einen Hund namens Baska durch eine Minenexplosion verloren hat.

 

Mancher herrenlos gewordene einheimische Hund“, berichtet Oberleutnant Wolfgang Teepe, „hat bei unserer Kompanie Anschluss gesucht und uns für ungeeignet befunden, sein Herr und Meister zu werden. Einige füllten ihre leeren Mägen und trollten sich dann, andere beschnüffelten jede erreichbare Person, nahmen Liebesgaben an und empfahlen sich dann ohne Dank.“

 

Als die interessierten Männer der Kompanie drüber berieten, wie man den Neuzugang nennen sollte, fielen alle möglichen Hundenamen, welche die deutsche Sprache aufzuweisen hat, aber die hellhörige Baska reagierte erst durch Ohrenspitzen und Erkennungsgeheul, als ihr künftiger Herr das Wort ergriff:

 

Wenn sie mich als ihren Meister annehmen möchte, würde ich sie fortan Baska II. nennen, natürlich ohne den Namenszusatz des letzten deutschen Kaisers.“

 

Baska machte einen Freudenluftsprung von zwei Metern Höhe und legte sich ihrem neuen Herrn zu Füßen. Sie war ihm später so treu ergeben, dass sie ihm nie von der Seite wich und alle Einsätze von Leningrad bis Ostpreußen mitmachte: Stoßtruppenunternehmen, Aktionen hinter der russischen Front, Fallschirmabsprünge, Sabotageakte, Einbringen von Gefangenen und Bewachung derselben. Baska wurde offiziell in den Listen geführt, weil sie ihre Eignung als Kriegshund schon in den ersten Einsätzen bewiesen hatte, somit war sie ein echter Soldat. Alle echten Maskottchen pflegten bei Einsätzen ihrer Herrchen hinten zu bleiben – Baska war nicht zu halten, wenn ihr Meister im Zuge einer Angriffshandlung vorgehen musste: Sie ging im wahrsten Sinne des Wortes „vor“, ließ also ihren Herrn hinter sich, bewachte ihn, schaute sich gelegentlich um und war doch hellwach, wenn plötzlich Feinde auftauchten. (...)

 

Es ging wieder einmal voran, wenn auch die Zeit der großen deutschen Offensiven längst vorbei war, zu Gegenangriffen reichte es noch. Baska trabte locker voran und sah den Rotarmisten eher als sein Chef, kannte aber natürlich die weltbekannte Geste des Ergebens nicht, im Gegenteil, die hocherhobenen Arme sah sie als Aggression an. Im gewaltigen Ansprung riss sie den Soldaten zu Boden... (...)

 

Manche Kameraden nannten Baska inzwischen eine Bestie und verkannten dabei, dass ihre Stärke nicht in der körperlichen Stärke sondern in einer Sensibilität ihrer überragenden Fähigkeiten im Hören, Sehen und Riechen stand.

Diese Fähigkeiten retteten den kritisierenden Soldaten mehr als einmal Leben und Freiheit. Bei vielen kleineren Sabotageeinsätzen ließ man Baska jetzt stets den Vortritt, es ging durch einsame stille russische Moore und Sümpfe, die nur selten einsam waren. Aber Baska roch jeden lauernden oder wartenden Feind, mochte der noch so behutsam den Sicherungshebel seines Gewehrs umlegen, sich seine Machorka-Zigarette anzünden oder seine dringende Notdurft so mucksmäuschenstill wie überhaupt nur möglich verrichten: Ein Pup, dessen Duft der Ostwind herantrieb, ließ Baska zu Eis erstarren, aber sie hatte den Befehl Herrchens verstanden, nicht auf eigene Faust anzugreifen.

Niemals wurde Baskas Einheit vom Feind überrascht...

Leseprobe aus dem Kapitel Spürhunde im Dienst

Der Rottweiler Heiko von der Aa gehörte dem Polizeileutnant Martin Gerleve und bewährte sich im Einsatz gegen Widerstandskämpfer. Bericht aus Frankreich 1943...

 

Heiko schaute seinen Herrn eine Minute lange an, was soviel heißen sollte wie „wir können loslegen“. Also legten sie los, Heiko schlug seinen Suchkreis und blieb auf einem Sandweg stehen, der schnurstracks auf einen Bauernhof in einem Kilometer Entfernung zulief. Einer der Männer nahm sein Fernglas ans Auge und berichtete:

 

Sie haben einen Trauerfall dort, ein schwarzer Wagen mit einem Sarg drauf und mit zwei schwarzen Pferden bespannt steht vorm Haus, sie wollen wohl zum Friedhof aufbrechen.

 

Wir wollen hingehen und unser Beileid bekunden, befahl Martin.

Er nahm nun Heiko an die lange Leine, der die komplette Mannschaft auf den Hof führte, diesen suchend umrundete und unter dem Trauerwagen stehenblieb. Niemand sah das Zeichen, das er seinem Herrn gab, den erhobenen aber nicht sich bewegenden Schwanz nämlich, was auf altgriechisch „Heureka“ bedeutete, aber auf deutsch „ich hab's gefunden“ heißt.

 

Den Deutschen war schon die merkwürdige Stimmung der illustren Trauergesellschaft aufgefallen. Leutnant Gerleve ließ sie einkreisen, rief Heiko bei Fuß und befahl dem Kutscher abzusteigen und den Sarg zu öffnen. Der tat dies, warf sich aber auf die Erde, worauf alle weiblichen Teilnehmer der Gesellschaft aufkreischten und sich zu Boden fallen liessen.; die Männer taten dies lautlos. Und der Leutnant befahl ebenfalls "hinlegen!". Da zerriss eine Explosion den Sarg, so dass der Deckel aufflog und ein Mann zum Vorschein kam, der kein Mann, überhaupt kein Mensch mehr war...

 

Später kam Heiko in Russland zum Einsatz...

 

Ein Partisan war fast gestellt worden, aber um einen Schuss breit entkommen. Auch er hatte etwas verloren, nämlich sein Schneuztuch voller hartem Schnott und getrockneter Spucke. Heiko jubelte förmlich auf, als man ihm das Tuch präsentierte. Er liebte es, statt russische Kaninchen, ukrainische Hasen und cholchishe Schwarzmeerfasane aufzustöbern, Menschen zu stellen und dafür Belohnungen zu kassieren. Herrchens Befehl "Such!" war immer der Beginn eines lustigen Abenteuers - nur wenn Hund Lust haben, leisten sie auch etwas.