Neues Leben in der alten Spinnerei

Eine Fabrikhalle der ehamaligen Floretti wird mit neuem Leben erfüllt. Wo früher Garn gesponnen wurde, entsteht heute ein Ort, an dem Menschen an Netzwerken spinnen, die Halt bieten und auffangen können.

Der Verein für Sozialpsychiatrie (VSP) arbeitet derzeit an einem Projekt mit dem Ziel, einen Ort der Begegnung für alle zu schaffen und dabei ein tragfähiges Netz an Arbeitsplätzen für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung zu spinnen. Inklusion soll kein Menschenrecht auf dem Papier bleiben, sondern im Alltag spürbar werden. Die Vision des gemeinnützigen Vereins lautet: Psychische Erkrankungen gehören zum Leben. An diesem Ort zwischen Liestal und Füllinsdorf soll sie besonders erlebbar sein.

 

Noch fehlen Einrichtung, Mobiliar und Maschinen. Aber es geht voran: Das Baugesuch liegt vor und einige Angebote sind bereits provisorisch eingezogen. Will man es trendig ausdrücken, so handelt es sich um einen Co-Workingspace im erweiterten Sinne. Die ehemalige Fabrikhalle im Niederschönthal soll schon bald unterschiedlichsten Raum zum Arbeiten und zur Begegnung bieten. Ein Teil davon wird vom VSP selbst genutzt, andere Bereiche hält man bewusst noch frei, um mit den Nutzerinnen und Nutzern der Angebote, mit Gewerbetreibenden, Kunstschaffenden, Arbeitgeber/-innen, Vereinen oder Interessensgruppen gemeinschaftlich genutzte Angebote zu spinnen.

 

Die Halle war einst eine Spinnerei. Dieses Faktum wird vom VSP rhetorisch aufgegriffen. "Die Spinnerei – Ort für Arbeit und Begegnung" heisst der Arbeitstitel des Projekts. Das ist mutig und etwas frech. Die Symbolik geht indessen tief. Wie Sabrina Steiner, Fundraiserin, sagt: "Die Namenswahl mag etwas irritieren. Doch auch wenn hier heute kein Garn mehr versponnen wird, soll dieser geschichtsträchtige Ort in Zukunft unterschiedlichsten Menschen Raum bieten, um sich zu vernetzen, die eigenen Ressourcen mit anderen zu verknüpfen und Fäden zur Gesellschaft zu spinnen."

 

Die einstige Spinnerei soll zum Begegnungsort, zu einem Ort für gelebte Inklusion werden. Ob der Arbeitstitel «Die Spinnerei – Ort für Arbeit & Begegnung» bleiben wird, werden die Nutzerinnen und Nutzer der VSP-Angebote selbst entscheiden.

Klar erkennbar: Das Sheddach.
Klar erkennbar: Das Sheddach.
Erste Arbeitsgeräte ziehen ein.
Erste Arbeitsgeräte ziehen ein.
Alte Fabrikmauer.
Alte Fabrikmauer.
Aus Fabrikhalle wird Eventhalle.
Aus Fabrikhalle wird Eventhalle.
Aufnahme von 1932. Der Pfeil zeigt die Fabrikhalle.
Aufnahme von 1932. Der Pfeil zeigt die Fabrikhalle.

Ein Ort von industriegeschichtlicher Bedeutung

Das Gebäude gehörte einst der Aktiengesellschaft Florettspinnerei Ringwald. Die Firma wurde Mitte des 19. Jahrhunderts im Schönthal gegründet - und zwar recht präzise an der Stelle, wo heute die vom VSP umgenutzte Halle steht. Damals ratterte dort ein Kupferhammer, angetrieben durch ein Wasserrad. Die Strasse heisst aus diesem Grund bis heute Hammerstrasse. Die Fabrik dehnte sich immer mehr aus. Schlussendlich schmiegte sich das Areal rund zwei Kilometer der Ergolz entlang. Ein Kanal verlief durch das Gelände und versorgte die fabrikeigenen Turbinen, die wiederum Strom produzierten.

 

Die Florettspinnerei Ringwald war nebst der SIS in Arlesheim die erste und grösste Fabrik im Baselbiet und sogar eine der grössten Spinnereien in der Schweiz. Fabriziert wurde ganz am Anfang Baumwolle, später dann Florettseide, auch als Schappe bekannt, eine Art minderwertige Seide. Danach stieg die Fabrik in das Geschäft mit Kunstfasern ein, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. 1957 schloss der Betrieb, der letzte Hochkamin wurde 1982 gesprengt. Nur wenig blieb übrig; unter anderem jener typische Shedbau mit charakteristischem Zackendach, in dem der VSP nun die Fäden wieder aufnimmt. Eröffnet wird voraussichtlich im Januar 2020.

Am gesellschaftlichen Leben teilhaben

Seit 1978 besteht der Verein für Sozialpsychiatrie (VSP). Die private und nicht gewinnorientierte Institution mit einem Leistungsauftrag des Kantons Basel-Landschaft begleitet über 500 Menschen mit einer psychischen oder psychosozialen Beeinträchtigung. Das Selbstverständnis des Vereins sieht so aus: "Die kompetente Begleitung von Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung ist nicht nur unsere Aufgabe, es ist eine Herzensangelegenheit. Damit die Menschen, die im VSP begleitet werden, so gut als möglich am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, bietet der Vereine seine Angebote verteilt über den gesamten Kanton Basel-Landschaft und vereinzelt auch im Kanton Basel-Stadt an." Die Angebote umfassen stationäre und ambulante Wohnmöglichkeiten, Krisenintervention, Suchttherapie, Tagesgestaltung und begleitete Arbeit. Fünf Wohnhäuser mit zugehörigen Aussenwohngruppen gehören zum VSP, so das Sophie Blocher Haus und das Rütihus in Frankendorf, die Wohnhäuser Bruggstrasse und Schönenbach in Reinach sowie das Wohnhaus Vulpùn in Münchenstein. Das Tageszentrum Werkhalle im alten Walzwerk in Münchenstein oder die Kunstwerkstatt artsoph in Liestal runden das Wohnangebot mit tagesstrukturierenden Angeboten und Arbeitsplätzen ab. Zirka 290 Personen, die sich rund 195 Vollzeitstellen teilen, finden im VSP einen verlässlichen Arbeitgeber.

Was ist Inklusion?

Was macht der Verein für Sozialpsychiatrie?

Erfahren Sie hier mehr:

www.diespinnerei.ch

www.vsp-bl.ch