Schlaffe Rüden oder was?

Potenzmittel für Hunde? Wohl kaum. Sehr wohl. Nach 1900 drang Yohimbin in die Veterinärmedizin ein. Kurz zuvor machte das Mittelchen schon in der Humanmedizin Furore im Kampf gegen schlaffe Glieder. Der Mechanismus beruhte vorwiegend auf einer Gefässerweiterung der Genitalien.

1930 schildert ein Züchter in der Deutschen Kynologenzeitschrift ein ganz besonderes delikates Problem. O-Ton: "Die Ursache der Deckfaulheit bei Rüden und der Widerspenstigkeit bei Hündinnen kann ganz verschiedener Natur sein und dürfte hauptsächlich in übermässiger Ausnutzung, beginnendem Alter, nervösen oder anderen krankhaften Zuständen der Zuchttiere liegen. Doch kommt es gar nicht selten vor, dass gegenseitige Abneigung der Tiere die gewünschte Verbindung scheitern lässt. Bekanntlich gibt es Rüden, die sonst als scharfe Draufgänger gelten, trotzdem vereinzelte ihnen zugeführte Hündinnen absolut nicht decken, während sie die nächstbeste Fixköterhündin belegen würden, und umgekehrt gibt es Hündinnen, die einen x-beliebigen Strassenhund freundlich annehmen, während sie sich gegen den ihnen zugedachten Rasse Rüden äusserst ablehnend und widerspenstig verhalten." Auch folgendes kann passieren, wie der Autor im Artikel weiter schrieb: "Der Rüde nimmt von der Hündin keine Notiz und ist zur Ausübung des Deckaktes nicht zu bewegen; oder die Hündin verhält sich durchaus widerspenstig gegen den ihr zugedachten Kavalier, beisst nach ihm, ja sogar nach dem vermittelnden Herrn – was sie sonst nicht tut. Die ersehnte Verbindung kommt nicht zustande, Mühe und Kosten des Züchters waren umsonst."

Werbung für Yohimventol in "der Hund" vom 30. Oktober 1933
Werbung für Yohimventol in "der Hund" vom 30. Oktober 1933

Erst mal fertig schmunzeln. Kommt uns die Übungsanlage nicht verdächtig vertraut vor? Während wir Zweibeiner in solchen Situationen ratlos resignieren, wusste der Züchter 1930 ganz genau, wie er die Fortpflanzungswilligkeit seiner Vierbeiner herauskitzeln konnte. Er empfahl, Yohimventol zu verabreichen. Dies wirke zuverlässig, wie er an einem Bespiel Illustrierte, ohne lange um den heissen Brei zu reden.

 

Weiter im O-Ton: "Ein französische Bulldoggenrüde war in der Auswahl der Hündinnen sehr wählerisch. Wurde ihm eine zugeführt, so beschnupperte er sie von vorn bis hinten ein-, zwei-, drei- und mehrmal. Sagte sie ihm zu, erfüllte er seine Pflicht, andernfalls liess er sie im Stich und war zu keinem späteren Zeitpunkt zum Decken zu bewegen. Ich betone ausdrücklich, dass sich die Hündinnen im deckfähigen Stadium der Hitze befanden. Ich nahm meine Zuflucht zu Yohimventol, und der Erfolg stellte sich ein, so dass der Rüde nun jede ihm zugeführte hitzige Hündin deckt, auch wenn er sie früher verschmähte."

 

Angesichts solcher durchschlagender Erfolge müssen wir uns jetzt zuerst einmal fragen: Was steckte wohl in Yohimventol drin, dass es die Hunde so heiss machte? Die Antwort lautet fast poetisch schön. Es war Yohimbin, eine Substanz, die einst auch bei uns Menschen als Erotik-Wundermittelchen hoch im Kurs stand. Gewonnen wurde das Mittel aus der Rinde eines bis zu 30 Meter hohen Baumes, der in Westafrika vorkommt. Wie es in der Tierärztlichen Drogenkunde von Hans Bentz heisst: "Von den Eingeborenen Westafrikas wird die Rinde seit langem als Aphrodisiacum gebraucht. Sie kam 1896 nach Europa." Auf dem Online-Kompendium pharmawiki.ch steht: "Yohimbin ist ein Alkaloid und pflanzlicher Inhaltsstoff aus Yohimbe und wurde früher als Aphrodisiakum verwendet."

 

O-Ton 1930: "Der Erfolg war eine Steigerung seiner geschlechtlichen Tätigkeit, so dass er dann jede ihm zugeführte Hündin deckte."
O-Ton 1930: "Der Erfolg war eine Steigerung seiner geschlechtlichen Tätigkeit, so dass er dann jede ihm zugeführte Hündin deckte."

Offensichtlich rannte der Wirkstoff offene Türen ein. Um 1900 revolutionierte Yohimbin die Behandlung der erektilen Dysfunktion schlagartig, wie es in einem Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung heisst."Die im Rückenmark gelegenen Genitalzentren werden erregt, außerdem werden unter Absenkung des Blutdrucks die Arterien insbesondere der Haut und der Genitalorgane erweitert, was mit einer Erhöhung der Blutmenge in diesem Bereich einhergeht."

 

Angesichts dieser spektakulären Auswirkungen auf die Libido des Menschen fand Yohimbin bald auch den Weg in die Veterinärmedizin. Blättert man durch die tierärztlichen Arzneimittelführer vor 1900, wird man noch kaum auf Yohimbin stossen. Doch bald nach der Jahrhundertwende drang das Mittelchen in die Veterinärmedizin ein.

 

Das Lehrbuch der Arzneimittellehre für Tierärzte von Eugen Fröhner aus dem Jahr 1921 beschreibt Yohimbin als "ein örtliches gefässerweiterndes Mittel, das besonders eine Hyperämie der Genitalien hervorruft und dadurch den Geschlechtstrieb anregt." Der Wirkungsmechanismus war also der gleiche wie beim Menschen, was natürlich auch anatomisch kaum zu übersehen war: "Männliche Versuchstiere zeigten nach der Verabreichung von Yohimbin Erektion des Penis sowie Schwellung der Hoden und Nebenhoden". Aber nicht nur die Männchen liessen sich erregen: "Bei geschlechtsreifen weiblichen Tieren wurden Steigerung der Follikelreife, starke Schwellung der Uterushörner, Hyperämie und Blutungen der Uterusschleimhaut, blutiger Scheidenausfluss sowie Schwellung der Scham (...) hervorgerufen." Somit konnten durch den Einsatz von Yohimbin alle Erscheinungen der Brunst experimentell hervorgerufen werden, zog Fröhner Bilanz. Wirkung zeigte das Mittelchen natürlich nicht nur bei Hunden, sondern bei wörtlich allem, was da kreucht und fleucht: Rinder, Pferde, Schweine Hühner, sogar bei Kanarienvögeln.

 

Schon damals warfen Firmen spezielle Yohimbin-Präparate für Tiere auf den Markt, unter anderem Yohimventol. Doch diese gezielt für die Veterinärmedizin entwickelten Produkte waren sehr teuer und zum Teil nur mit einer 50-prozentigen Dosierung angereichert. Fröhner riet deutlich ab: "Alle sogenannten Veterinärpräparate sind grundsätzlich vom Gebrauch auszuschliessen." Wenn schon, so müssten Tiere jene Präparate schlucken, wie sie damals auch für Menschen auf dem Markt waren.

 

Ein prominenter Kritiker der Potenzmittel war der gute alte Max von Stephanitz. Nicht lange rumdoktern, sondern aussortieren. So sah es der Übervater der deutschen Schäferhunde mit einer Strenge, die ihm auch sonst ganz eigen war: "Ist ein Rüde nicht mehr decklustig oder nicht mehr zeugungsfähig, so ist er krank oder alt oder verbraucht, sollte daher unter keinen Umständen mehr zur Zucht verwendet werden, da er doch nurmehr schwache, wenig widerstandsfähige Junge zeugen könnte." Folglich diene das Reizmittel, wie er Yohimventol nannte, nicht der Zucht, sondern nur dem Geldbeutel des Rüdenhalters. Der Trick dahinter: Der Rüde wird durch Yohimventol deckfreudiger. Weil aber der Rüdenbesitzer für jeden Deckakt eine Gebühr einziehen darf, klingelt beim Besitzer natürlich die Kasse um so schöner, je besser sein Kleiner rammelt. Bei Hündinnen hingegen, meinte Stephanitz, könne sich das Mittel in einzelnen Fällen als nützlich erweisen, müsse aber vorsichtig angewandt werden und stets von einem Tierarzt verschrieben werden.

O-Ton 1930: "Der Rüde deckt nun jede ihm zugeführte hitzige Hündin, auch wenn er sie früher verschmähte."
O-Ton 1930: "Der Rüde deckt nun jede ihm zugeführte hitzige Hündin, auch wenn er sie früher verschmähte."

Hans Bentz nennt noch in der Ausgabe 1959 seiner Tierärztlichen Drogenkunde folgende Marken: "Yohimventol" von der Kali-Chemie, "Yohimbinum hydrochloricum-Tabletten" von Bengen aus Hannover sowie "Yohimbinum hydrochloricum Ampullen und Tabletten" von Buchler aus Braunschweig. Die Aufzählung wird mit "u.a." abgeschlossen. Offensichtlich gab es also nebst den drei genannten noch weitere Produkte mit Yohimbin. Unter Anwendung liest man: "oral oder sbc. als Aphrodisiacum, falls keine organischen Schäden der Genitalorgane vorliegen." Offensichtlich fristete also Yohimbin bis weit nach dem 2. Weltkrieg einen sozusagen offiziellen Status als Potenzmittel für Tiere.

 

Aktuell wird zwar Yohimbin in der Fachliteratur noch erwähnt, ist aber in der Schweiz weder als Tier- noch als Humanarzneimittel erhältlich. Dies hängt einerseits mit den Nebenwirkungen zusammen, andererseits damit, dass für besagte Indikation in der Zwischenzeit bessere Produkte entwickelt worden sind. Allerdings stösst man im Internet schon nach ein paar Klicks auf einschlägige Angebote, wobei man davon ausgehen kann, dass die Abnehmerschaft in der Regel männlich und zweibeinig ist.

 

Der Wirkstoff Yohimbin kannte allerdings noch ein anderes, weniger umstrittenes Anwendungsgebiet in der Tiermedizin: Es diente zur Antagonisierung, also zur Neutralisierung, von Xylazin, einem Schmerz- und Entspannungsmittel. Allerdings hat Yohimbin auch in dieser Funktion ausgespielt. Heutzutage nimmt man dafür Atipamezol (Antisedan).

 

Ohnehin gibt es heute bessere Ansätze, damit ein Hundepärchen zueinander findet. Grob kann man sagen: Eine Hündin erreicht etwa am 10. Tag der Läufigkeit die optimale Empfänglichkeit. Das ist also jener Zeitpunkt, an dem es am wahrscheinlichsten ist, dass sie trächtig wird, wenn ein Rüde in sie eindringt und ejakuliert. 10 Tage sind allerdings nur eine Faustregel. Den Zeitpunkt kann man
mit einer Vaginoskopie noch enger eingrenzen. Banal gesagt: Unter Einsatz eines optischen Gerätes schaut man in die Scheide. Diese wird unter dem Einfluss von Östrogen mit viel Saft befeuchtet. Die Schleimhaut legt sich in Falten. Ebenfalls gesteuert durch Östrogen wird die Auskleidung der Scheide mehrschichtig. Dies stellt man mit einer Vaginalzytologie fest, also mit einer mikroskopischen Untersuchung von Zellen. Wenn man den optimalen Zeitpunkt noch mehr
eingrenzen will, so kann man eine Blutprobe analysieren, am zuverlässigsten in einem Labor. Das Hormon Progesteron steigt zwei bis drei Tage vor dem Eisprung an. Der Hormonspiegel gibt also Aufschluss darüber, wann die Hündin mit optimaler Erfolgsaussicht zu decken ist.

O-Ton 1930: "Nach Anwendung von Yohimventol wurden die Hündinnen alle dem Rüden gefügig."
O-Ton 1930: "Nach Anwendung von Yohimventol wurden die Hündinnen alle dem Rüden gefügig."

Der richtige Zeitpunkt ist nicht nur fortpflanzungsmedizinisch relevant. Er hat zudem Implikationen auf das Verhalten sowohl des Männleins wie des Weibleins. Präsentiert man eine Hündin einem Rüden zu früh, so kann es sein, dass sie genau jene Zickigkeit zeigt, wie sie im Artikel beschrieben wird. Sie möchte dann nicht belegt werden. Andersrum kann es vorkommen, dass ein Rüde unbeeindruckt selbst vor der schönsten Hundedame stehen bleibt, wenn ihm diese zum falschen Zeitpunkt schmackhaft gemacht wird. Ganz anders als bei uns menschlichen Männlein lässt sich das sexuelle Interesse eines Rüden nicht über die Optik entflammen. Für ihn zählt der Geruch. Profan gesagt: Evaporierte Duftstoffe aus der Vagina dringen an seine Nase und machen ihn heiss. Je nach Zeitpunkt riecht die Hündin aber für einen Rüden mehr oder weniger verlockend. Am besten riecht sie in seiner Nase dann, wenn sie am empfänglichsten ist.

 

Jedoch läuft längst nicht alles schematisch ab. Wie bei uns Menschen ist bei den Hunden ein wesentlicher Anteil am sexuellen Begehren von individuellen Verhaltensdispositionen überlagert. Charakter, positive oder negative Erfahrungen, Routine, Abgebrühtheit oder Schüchternheit, allgemeine Lebensumstände - alles spielt mit rein. Gewisse Rüden sind souverän und aktiv, andere unsicher und abwartend. Gewisse Hündinnen sind launisch und abweisend, andere wiederum cool und zu allem bereit. Und ja. Manchmal haben sie einfach Kopfschmerzen und deshalb keine Lust.

 

Hilft alles nichts, so lässt man am bestem alle Romantik weg. Dann bietet sich eine künstliche Besamung an. Bei Nutztieren ist das Gang und Gäbe. Hundezüchter schrecken aus emotionalen Gründen oft davor zurück. Doch Sinn macht das nicht. Objektive Argumente dagegen gibt es keine. Ganz im Gegenteil. Bei vielen reinrassigen Hunden ist der Genpool stark eingeengt, was zu
Inzuchtschäden führt. Dank einer Samenbank hat ein Züchter viel leichteren Zugriff auf eine potentiell uneingeschränkte Anzahl von Spermien auch von Rüden, die geographisch weit weg wohnen oder sogar schon verstorben sind.

 

Zu guter Letzt mache man sich bewusst, dass es auch bei uns Menschen stets verzwickt wird, sobald Sex ins Spiel kommt. Wie schon Max von Stephanitz etwas resigniert feststellte: "Es passt eben nicht jeder Rüde für jede Hündin, ebensowenig wie, freilich aus anderen Gründen, jeder Mann
für jede Frau."